Verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung? Mit den Grünen auf Spurensuche

Verpflichtende Nachhaltigkeitsberichte: Die Grünen wollen endlich mehr Leben in die Debatte bringen (Makrodepecher / pixelio.de)

Im Mai 2011 hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag in den Bundestag eingebracht, mit dem soziale und ökologische Offen-legungspflichten für Unternehmen geregelt werden sollen. Faktisch bedeutet dies den Versuch, eine verpflichtende Nachhaltigkeits-berichterstattung in Deutschland zu etablieren – nicht nur für MNEs, sondern auch für KMUs einer relevanten Größe. Kaum ver-wunderlich, dass die Unternehmens-seite sich wenig begeistert (Login erforderlich) zeigt – steht sie doch für eine freiwillige Offenlegung nach dem Motto „Transparenz gerne, aber wir entscheiden, wer und wie“. Was ist vom Antrag der Grünen zu halten?

Obwohl der Vorstoß der Grünen durchaus Charme hat, wirft er bei genauerer Prüfung einige Fragen auf. Dabei sind vor allem folgende Punkte hervorzuheben:

  1. Wer sind nun eigentlich die Zielgruppen?

In ihrer Begründung heben die Grünen die Vorteile für Verbraucher und Investoren hervor:

„Eine solche Offenlegung wäre nicht nur wichtig, um den Verbraucherinnen und Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich umfassend über die Produktionsbedingungen eines Unternehmens zu informieren und ihr Konsumverhalten dementsprechend anzu-passen. Auch Investoren könnten anhand sozialer und ökologischer Berichtspflichten eine fundiertere Entscheidung bezüglich der nichtfinanziellen Auswirkungen ihrer Geschäfts-tätigkeit treffen.“

Dieser Argumentation ist nur bedingt zu folgen. Zum einen scheint ein Nachhaltigkeits-bericht nicht das geeignete Format, damit Verbraucher ihr Konsumverhalten reflektieren können. Dies würde auf Seiten der Verbraucher zum einen eine tiefere Sachkenntnis erfordern, um die berichteten Indikatoren in Relation zu anderen Unternehmen zu stellen, zum anderen ein gehöriges Maß an Leidensfähigkeit, um sich durch die teilweise 200-seitigen Berichte verschiedener Unternehmen zu quälen. Zumal es grundsätzlich fraglich erscheint, wie die berichteten Leistungskennzahlen in Relation zu einem „objektiven“ Kaufverhalten stehen sollen. Sind eine niedrigere Frauenquote und um 2% höhere spezifische CO2-Emissionen bereits genug, um eine Marke der anderen vorzuziehen? Und werden Investoren, die sich bis dato nicht für soziale und ökologische Zahlen interessiert haben, nun „fundiertere“ Entscheidungen treffen? Oder sich nicht vielmehr mit dem alten Set an Bewertungsmethodik begnügen? Der Wunsch, durch Transparenz Verhaltensänderung bei Verbrauchern und Investoren hervorzurufen, erscheint gerade bei der Berichterstattung blauäugig; der erste Schritt wird nicht dem zweiten folgen.

  1. Was sind eigentlich die Kriterien?

Hier bleibt der Antrag recht vage. Es wird auf die gängigen Themenfelder verwiesen, jedoch zugleich die derzeitigen freiwilligen Kriteriensets der GRI, von EMAS oder der DVFA als „nicht ausreichend“ angesehen. Damit machen es sich die Grünen ein wenig einfach. Wieso diese nicht ausreichen, wird in der Folge nicht erläutert. Es wird lediglich auf folgenden Sachverhalt verwiesen:

„Von ca. 11.000 Unternehmen in Deutschland mit mehr als 250 Beschäftigten wenden weniger als 1 Prozent den internationalen Berichtsstandard „Global Reporting Initiative“ an. Wenn Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen, berichten sie eher über einzelne Projekte und Initiativen, als umfassend über die tatsächliche Lage der Beschäftigten sowie Mißstände in der Lieferkette.“

Interessante Statistik, aber es fehlt die Differenzierung. Eine Aufschlüsselung dieser 11.000 Unternehmen nach Unternehmensgröße wäre z.B. hilfreich, um die Angaben einzuordnen. Zumindest erscheint es wenig verwunderlich, dass ein Mittelständler auf der Schwäbischen Alb mit 250 Mitarbeitern keinen Nachhaltigkeits-bericht veröffentlicht. Weil die Frage weiterhin erlaubt ist, wer sich dafür interessieren sollte. Bei DAX- und MDAX-Unternehmen, von denen ebenfalls eine große Zahl keine Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen, stellt sich die Situation anders dar. Dann hätte man aber auch diese Zielgruppe stärker in den Fokus nehmen können – was auch die Kriterienauswahl erleichtert hätte. Richtig ist, dass Missstände in Nachhaltigkeitsberichten in der Regel nicht an die große Glocke gehängt werden. Aber „einzelne Projekte und Initiativen“? Damit tut man der heutigen Nachhaltigkeitsberichterstattung und den GRI-Kriterien keinen Gefallen, die genau das durch die allgemein gültigen Leistungsindikatoren vermeiden wollen. Zudem ist die GRI keine Unternehmensinitiative, sondern eine NGO mit Multistakeholder-Approach – also eine Erfolgsgeschichte ganz im Sinne der Grünen. Was stattdessen als Kriterienset herangezogen werden soll, bleibt unklar. Zu hoffen ist, dass nicht am Ende die Global Compact-Prinzipien als kleinster gemeinsamer Nenner übrig bleiben, die von der GRI bereits abgedeckt werden. So oder so, der Eindruck bleibt: Hier wurde der Status Quo des CR-Reportings und der dazugehörigen Kriterien entweder gar nicht oder nur oberflächlich beleuchtet. Dafür spricht auch, dass gerade für die deutsche Diskussion das future/IÖW-Ranking außen vor gelassen wurde.

  1. Wer soll nun eigentlich berichten?

Im Visier scheinen vor allem Unternehmen jenseits von 250 Beschäftigen zu stehen. Neben börsennotierten MNEs stehen daher also auch mittelständische Betriebe mit begrenzter internationaler Strahlkraft im Fokus. Wie hier ein einheitlicher und dennoch verbindlicher Berichtsstandard entwickelt werden soll, erscheint schleierhaft und wird auch nicht näher erläutert. Dabei ist dies ein Punkt, der auch die Diskussion über die zukünftigen GRI-Standards bestimmt. Wie lassen sich national und international agierende Unternehmen unter einen Hut bringen? Wie lassen sich branchen- und länderüber-greifende Kriterien entwickeln? Und wie kann man unterschiedlichen Rechtsformen von Unternehmen Rechnung tragen? Und wie lässt sich überhaupt Vergleichbarkeit der Zahlen angesichts der Unterschiede gewährleisten? Der Trend geht hier zukünftig wohl eher in Richtung einer offeneren Gestaltung der Leistungskriterien – gerade weil die Vergleich-barkeit und damit ein Hauptargument des Antrags in einer Sackgasse steckt. Ein nationaler Alleingang mit neuen Kriterien erscheint daher genauso widersinnig wie der etwaige Versuch, jeweils nach Profil eines Unternehmens Kriterien aufzustellen – falls dies die Alternativen zu bestehenden Kriteriensets sein sollen.

  1. Was ist eigentlich mit dem Integrierten Reporting?

Der Antrag verliert kein Wort zum Integrierten Reporting. Das ist insofern schade, weil dies einen weiteren Weg zur Integration von ökologischen und sozialen Kriterien in die Berichterstattung bietet. Und zudem ein deutlich besseres Einfallstor bietet, um eine Offenlegungspflicht auf Seiten der Unternehmen zu etablieren. Seit 2010 ist dazu die IIRC aktiv. In Südafrika müssen die mehr als 450 an der Johannesburger Börse gelisteten Unternehmen integrierte Unternehmensberichte erstellen. Diesen Prozess auch in Deutschland und Europa voranzutreiben erscheint vielversprechender als der Versuch, eine separate verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung zu etablieren. Hier folgen die Grünen vermutlich noch der Triple Bottom Line – ohne dessen Integration ins Auge zu fassen.

Was bleibt? Eine Offenlegung der sozialen und ökologischen Leistung ist notwendig. Nicht nur im Sinne der Öffentlichkeit, sondern auch im Sinne der Weiterentwicklung der Unternehmensführung und -steuerung. Eine umfassende verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung, wie im Antrag der Grünen vorgeschlagen, greift jedoch zu kurz und vernachlässigt sowohl die Fallstricke als auch den aktuellen Stand der Diskussion. Vielleicht hätte man sich stattdessen auf DAX- und MDAX-Unternehmen konzentrieren sollen. Vielmehr sollten stärkere Anreize gesetzt werden, um Investoren von SRI und ESG-Kriterien bei ihren Investmententscheidungen zu überzeugen und Unternehmen auf eine freiwillige Berichterstattung zu trimmen. Zugleich sollte das Integrierte Reporting stärker vorangetrieben werden, um am Ende eine konsolidierte Sicht der Dinge zu erreichen: Nämlich eine integrierte Darstellung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Leistung eines Unternehmens.

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